Haltung vor Tools und Methoden
Ein digitales Mindset zu entwickeln, bedeutet vor allem auch, sich bewusst in einer Realität zu bewegen, die in den meisten Lebensbereichen von digitalen Technologien durchdrungen ist. Die Theorie des digitalen Mindsets beschreibt, wie sich Menschen unter diesen Bedingungen durch bestimmte Fertigkeiten und Handlungen Welt aneignen können (vgl. Friedrich & Narr, 2021).
Hier lohnt ein kritischer Blick, denn technologische Entwicklungen sind geprägt von ihrer jeweiligen Umwelt, Zeit und Gesellschaft. Das bedeutet, dass sich auch historisch entwickelte mentale Modelle und Machtstrukturen in diese eingeschrieben haben und reproduziert werden.
Wenn ein digitales Mindset nachhaltig wirken soll, ist es notwendig, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass auch digitale Technologien und wie bereits angemerkt vor allem Algorithmen nicht neutral sind. Denn diese tragen Wertungen einer größtenteils profitorientierten und meist jahrhundertelang unreflektierten kolonialen Geisteshaltung in sich und übersetzen diese Vorurteile lediglich aus dem Analogen in digitale Systeme. Sie fördern gleichzeitig immer auch Ausschlussmechanismen, z.B. welche Aspekte oder Inhalte einer Sammlung digitalisiert werden und welche nicht (vgl. Jaume-Palasi, 2022a und 2022b).
Wie also damit umgehen?
Zunächst können die Unterscheidung und Ergänzung von zwei Faktoren hilfreich sein:
- Handlungsbezogene Eigenschaften und Aspekte im beruflichen Kontext als Motor nutzen, um die Transformation der Organisation voranzutreiben
- Kritisches Bewusstsein für historische Gegebenheiten pflegen und in diesem Kontext die Entwicklung zu einer barrierearmen und auf Teilhabe ausgerichteten institutionellen Kulturarbeit weiter vorantreiben
Im Sinne von Demokratie und kultureller Teilhabe ist es wichtig, das digitale Mindset macht- und diskriminierungskritisch weiterzuentwickeln und dadurch Veränderung zu gestalten. Ein nachhaltiges digitales Mindset fußt auf Multiperspektivität und der damit verbundenen Erkenntnis, dass es keine objektiven, universell gültigen Fakten oder Wahrheiten gibt (vgl. Kirschner, 2022).
Folglich (re)produzieren auch Kulturinstitutionen kein neutrales Wissen. Im Sinne von Donna Haraways Konzept der Situierung lässt sich besser mit dem Verständnis und der Kenntlichmachung von partiellen, kontextgebundenen Perspektiven operieren (vgl. Haraway, 1988).
Auch wenn Haraway in ihrem Essay „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective“ vom Wissenschaftsbetrieb ausgeht, lassen sich ihre Thesen der Situierung grundsätzlich auf die Reflexion weiterer (Macht-)Strukturen übertragen. Haraway führt damit ein zur vermeintlichen Objektivität entgegengesetztes Verständnis ein, das sogenannte „Situierte Wissen“ („situated knowledges“) (Haraway, 1988, S. 581). In dieser Denkart stellt jedes Wissen immer nur eine mögliche und kontextbezogene Perspektive dar und kann deshalb niemals universelle Gültigkeit beanspruchen. Diese reflektierte und im besten Falle transparent gemachte Verortung innerhalb bestehender Machtverhältnisse ist im Sinne Haraways der Weg zu wissenschaftlicher Objektivität (vgl. Haraway, 1988).
Folglich bleibt für jede Institution die Frage zu klären, ob sie ausgehend von einer entsprechend machtkritischen Perspektive bereit ist, ihre alleinige Deutungshoheit abzugeben.
Ein digitales Mindset als Kulturtechnik heißt somit auch, Vernetzung, Austausch, Mehrstimmigkeit, Partizipation und Kollaboration zu leben!